Am 4. März 2026 hat die Europäische Kommission den Legislativvorschlag für den Industrial Accelerator Act (IAA) vorgelegt. Damit liegt erstmals ein verbindlicher Entwurf auf dem Tisch, der die industrielle Basis Europas stärken und gezielt Nachfrage nach CO2-armen sowie in Europa hergestellten Technologien schaffen soll. Der Vorschlag ist ein klares industriepolitisches Signal: Die EU will Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung im Binnenmarkt ausbauen und zugleich ihre wirtschaftliche Sicherheit erhöhen.

Zentrale Elemente des Entwurfs im Überblick:

„Made in EU“- und CO₂-Kriterien in der öffentlichen Vergabe

Öffentliche Aufträge und bestimmte Förderinstrumente sollen in strategischen Sektoren, u. a. Stahl, Zement, Aluminium, Fahrzeugkomponenten sowie Netto-Null-Technologien stärker an CO2- und Herkunftskriterien geknüpft werden.

Wichtig: Ein eigenständiges EU-Label für „Grünstahl“ ist nicht vorgesehen, ebenso wenig eine explizite EU-Quote für Stahl. Stattdessen setzt die Kommission auf CO2-Definitionen über bestehende Regulierungen und verbindliche Mindestanteile in der Beschaffung (Start ab 2029).

Industriepolitisches Wachstumsziel

Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am EU-BIP soll bis 2035 wieder auf 20 % steigen (2024: 14,3 %). Damit unterstreicht die Kommission die strategische Bedeutung industrieller Wertschöpfung für Resilienz und Wohlstand.

Leitplanken für ausländische Direktinvestitionen

Investitionen über 100 Mio. EUR in strategischen Zukunftssektoren sollen an Anforderungen wie lokale Wertschöpfung, Technologietransfer oder Mindestbeschäftigung in Europa geknüpft werden.

Beschleunigung von Genehmigungen

Digitale One-Stop-Shops, gebündelte Verfahren und verbindliche Fristen sollen industrielle Dekarbonisierungs- und Produktionsprojekte schneller realisierbar machen.


Mit dem IAA geht die Kommission den Schritt von der industriepolitischen Strategie zur konkreten Regulierung. Für Unternehmen bedeutet das: Industriepolitik wird operativ.
Wettbewerbsfähigkeit wird künftig stärker daran gemessen, wie CO2-konform Produkte sind, wie hoch die europäische Wertschöpfungstiefe ist und wie gut Unternehmen in öffentliche Beschaffungs- und Förderlogiken eingebunden sind.

Der IAA ist damit mehr als ein Förderrahmen. Er verschiebt die strategischen Parameter für Standortentscheidungen, Lieferkettenmodelle und Investitionsplanung. Wer das als regulatorische Pflichtübung betrachtet, denkt zu kurz.

Die kommenden Verhandlungen im Europäischen Parlament und im Rat behalten wir genau im Blick, denn sie werden maßgeblich darüber entscheiden, wie ambitioniert und verbindlich die neuen Vorgaben ausgestaltet werden.

Autor: Annette Gruß
Tags:  Industrietransformation


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